Wider der deutschen Ingenieurskunst: Wir brauchen das permanente Beta

Wie würde es uns im Studium und in den ersten Jahren als junger Ingenieur doch eingebläut: „Wenn wir etwas machen, dann machen wir es gleich richtig.“
Auch schön war der Satz: „Eine Sache gleich richtig zu machen dauert nicht länger als sie halbwegs richtig zu machen.“

Alles überholt. Überall leben wir mit Provisorien. Nichts ist so haltbar wie ein Provisorium und gleichzeitig ist nichts so konstant wie die der Wandel.

Die Sehnsucht etwas mal richtig zu Ende zu bringen, richtig zu lösen wird in der jetzigen Digitalisierungswelle weiter hinten anstehen. Richard Gutjahr formuliert das auf Meedia.de sehr treffend: „Ich fürchte, wir werden unser Leben lang der Entwicklung hinterherlaufen. Wenn wir heute vom Neuland sprechen, verbinden wir damit ja insgeheim die Hoffnung, eines Tages dort auch anzukommen. Ein Ort, an dem es klare Jobbeschreibungen und belastbare Geschäftsmodelle gibt, eine Welt mit Einhörnern und Katzen, die Regenbögen an den Himmel malen. Ich fürchte, das ist eine Illusion. Ich denke, wir werden niemals wirklich ankommen.“

Daher plädiere ich für einen Wechsel der Denkrichtung. Es macht keinen Sinn der Idee des idealen Produktes, der vollständigen Lösung des Kundenproblems, der vollständigen technischen Überlegenheit zu folgen. Warum?

1. Wir brauchen zu lange – der Markt ist weg

Wer zu erst im Markt ist, gewinnt den Kunden. Wenn die Lösung nicht untauglich ist, bleibt dieser treu. Daher sind wir heute in einem noch viel größeren Geschwindigkeitswettbewerb als bisher. Geschwindigkeit wird damit zur ersten Stellgröße für Erfolg.

2. Lösungen werden zu teuer – am Ende wird es vom Kunden doch nicht honoriert

Ideen was der Kunde alles wollen könnte haben wir immer. Die Liste der Features wird in klassischen Lastenheften immer zu lang, zu komplex, zu wenig fokussiert und schlussendlich immer zu teuer. Am Ende sagt uns der Kunde, dass ihm dieser Aufwand nicht der von uns gewünschte Mehrpreis wert ist.

3. Sind wir auf dem Markt bekommen wir Feedback was gebraucht wird

Wenn wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass unser Produkt sowieso unvollständig ist, sich also im permanenten Beta-Stadium befindet (was bedeutet, dass es eben nicht ganz fertig ist) wünschen wir uns nichts mehr als Feedback vom Anwender: Was ist gut? Was wünsche ich mir jetzt noch dazu? Was wäre mir dieser Nutzen wert? Damit wird der Kunde zum Mitentwicker, was ihn wiederum emotional an uns und an das Produkt bindet. Und genau das wollen und brauchen wir!

4. Neue Basistechnologien bringen neue Optionen

Durch den rasanten technischen Fortschritt insbesondere in der Digitalisierung kommen immer neue, bessere, schnellere, einfachere Technologien auf den Markt, die uns ganz neue Lösungsoptionen für unsere Anwendung ermöglichen. Lange Planungsverfahren negieren aber genau dieses Phänomen. Stuttgart 21 ist ein klassisches Beispiel: Zum Zeitpunkt des Planfeststellungsverfahrens gab es noch gar keine ICEs. Ob die Lösung dann zum Einführungszeitpunkt noch aktuell sein kann?

Daher kommen wir nicht umhin uns mit dem Beta und dem dauerhaften Weiterentwickeln auseinander zusetzen. In diesem Sinne sind wir nicht machtlos. Aber eine bitte: macht los.


Christoph Dill

Christoph Dill

Seit 2003 bin ich in der Beratung tätig, seit 2006 als Partner und damit einer der 11 Eigentümer unserer Firma. Seit 2010 stehe ich für den Kompetenzbereich Innovation & Engineering unserer AG, was seit jeher mein Beratungsumfeld darstellt. Hier habe ich ein sehr breites methodisches Fundament, das ich mit meinem Doktorvater Prof Dr. Ing dieter Spath (ehemals Leiter des Fraunhofer IAO, Stuttgart) auch in Form des Buchs ‚Vom Markt zum Markt‘ veröffentlicht habe. Aufbauend auf diesem Fundament entwickle, gestalte und begleite Kunden im Umfeld von Innovation und Prozess- und Projektmanagement. So kann ich dort einen Beitrag leisten, dass Produkte, Prozessen und Businessmodelle erfolgreich und marktfähig entwickelt und realisiert werden. Meine Freizeit verbringe ich gerne mit meiner Familie, gehe Joggen, Mountainbiken und im Winter vor allem gerne Skifahren. Ski ist für mich mehr als ein Sport, sondern Teil meines Lebens.

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