Das Ende des Projektmanagements | Eine Buchkritik

Ich bin bekennender GetAbstract Leser und Nutzer. Heute bin ich über das Buch „Das Ende des Projektmanagements“ von Ronald Hanisch gestolpert. – Jedenfalls in der zusammenfassenden Get Abstract Darstellung. Ich finde darin viele richtig und wichtige Dinge. Allerdings gibt es auch einige Aussagen, denen ich kritisch gegenüber stehe. Teilweise habe ich sogar eine völlig andere Meinung. Was ich, wie und warum anders sehe und wo ich dem Autor zustimme findet Ihr hier in diesem Beitrag.

Der Titel des Buches ist sicherlich auch bewusst ein Stück weit provokant gewählt. Ich kann dem jedenfalls nicht zustimmen, zumal im Buch Agil als eine neue Form des Arbeitens dargestellt wird und Scrum namentlich erwähnt wird. Das ist definitiv lebendiges Projektmanagement. Das herkömmliche Projektmanagement befindet sich auf einer anderen Entwicklungsstufe bzw. ist darüber hinaus. Alle gängigen PM-Methoden haben in den letzten Jahren eine Weiterentwicklung vollzogen, die agile Aspekte mit in die bestehenden Methoden integriert. Ein Ende des Projektmanagements ist deshalb noch nicht absehbar.

Das man der Generation Y und auch agilem Projektvorgehen immer mal wieder vorhält, es wäre Arbeiten ohne feste Termine, Zusagen und immer schön unverbindlich, halte ich für falsch. Auch in agilen Projekten gibt es am Anfang ein Zeitbudget und auch ein Finanzbudget. Es kann nur sein, dass der Inhalt, die Funktionalität unterwegs angepasst wird, weil sich der Bedarf, Rahmenbedingungen etc., geändert haben. Natürlich kommt es auch vor, dass Zeitpläne angepasst werden, genauso wie in x % aller anderen Projekte auch. Wenn ich auf meinem Weg neue Erkenntnisse erlange sollte ich daraus lernen und das Gelernte direkt anwenden. Frühes Scheitern, um daraus zu lernen ist sicherlich ein Aspekt der Agilität prägt und so im krassen Gegensatz von generalstabsmäßig geplanten Projekten steht.

Als große Erfolgsfaktoren für die Zusammenarbeit der jungen Generation werden im Buch Transparenz, Offenheit, Kommunikation und persönlicher Kontakt aufgeführt. Dem stimme ich aus meiner Erfahrung und mit voller Überzeugung zu 100% zu. Ich gehe sogar einen Schritt weiter. In jeder Organisation in der eine Kultur gelebt wird, die von diesen Aspekten geprägt ist haben wir eine deutlich bessere Zusammenarbeit. Dabei bezieht sich „besser“ auf alle Aspekte des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens im beruflichen Umfeld. Ist eine solche Kultur etabliert, geht es um die Sache und nicht um persönliche Befindlichkeiten. Das ist in vielen Unternehmen in denen wir sozialisiert sind grundlegend anders. In dieser anderen Sozialisation liegen viele der Missverständnisse, Unverständnis sowie Skepsis begründet, die Wandel in der Arbeitswelt aktuell prägen. Es gibt Menschen und Organisationen, die können, auf Grund Ihrer Kultur, diese modernen Formen des Zusammenarbeitens und Zusammenlebens nicht umsetzen. Es passt nicht zu deren Menschen- oder Weltbild. Wie lange es diese Unternehmen noch gibt wird die Zeit zeigen.

Wenn wir bei Unternehmenskultur oder auch Gesellschaftskultur sind, dann sind wir ganz schnell bei einem der zentralen Aspekte der nächsten 10 Jahre: Die Sinnhaftigkeit von Arbeit. Das wird der grundlegende Punkt sein, an dem sich die Geister scheiden und Arbeitgeber messen lassen müssen. Gleichauf kommt das Thema Arbeitsumgebung. Die ganzen tollen neuen Arbeitskonzepte mit Lounge-Areas, Home-Zones oder Business-Gardens finde ich super und nutze diese Vorteile auch in meinem eigenen Arbeitsleben. Ich glaube aber nicht, dass diese Arbeitsformen der Generation Y geschuldet sind, sondern der Erkenntnis, was Zusammenarbeit wirklich produktiv macht und mehr Spaß in die Arbeit bringt. Diese Konzepte gibt es in den Ansätzen schon seit über 10 Jahren. Vornehmlich in den IT Unternehmen, die heute „die Welt beherrschen“. Damals sind sie dafür noch belächelt worden. Natürlich ändert das Aufstellen eines Kickers oder Billardtischs alleine nicht die Arbeitseinstellung der Mitarbeiter. Es ist aber ein Ausdruck einer Haltung (der Chefs), wie ein Arbeitsumfeld aussehen kann. Es waren die ersten Schritte einer Reise zu den Arbeitswelten, die heute hoch gelobt werden.

Begründet waren diese ersten Schritte, u.a. darin, das die IT-Branche seit je her das Problem hat, dass der Bedarf an IT-lern größer ist, als das Angebot. Zudem waren die Nerds von früher schon kreative Freigeister, die sich sehr gut überlegen, wo sie arbeiten und schon „immer“ nach Aufgaben gesucht haben, in denen sie einen Sinn gesehen haben. Die Nerds von heute entsprechen den Star Treck Freaks von vor 15 oder 20 Jahren. Die sind heute halt im Alter zwischen 40 und 55 Jahren.Jetzt haben alle Unternehmen die Herausforderung gute Fachkräfte zubekommen und nur, wenn das Gesamtpaket stimmt kommen Menschen zu mir in mein Unternehmen. Das treibt in meinen Augen die Entwicklung von kooperativen Arbeitsumgebungen weiter voran und beschränkt dies nicht mehr alleine auf die komischen IT-Buden.

Das Teams in der Zusammenarbeit heute direkt in die Performance Phase einsteigen, kann ich mir rein aus Gruppendynamischen Prozessen nicht vorstellen. Dass es durch klare Rollenklärung, die in Scrum bei Bedarf auch im laufenden Projekt angepasst wird, die Offenheit, Transparenz und mehr Kommunikation (sofern dass denn alles wirklich so gelebt wird) zu weniger Reibungsverlusten und damit zu einem schnelleren Eintritt in die Performance-Phase kommt, glaube ich. Einen direkten Einstieg dort halte ich aber weiterhin für unmöglich. Menschen, die noch nie zusammengearbeitet haben, brauchen nach wie vor eine Phase der Orientierung, bevor sie sich komplett öffnen.

Eine weitere spannende Aussage finde ich, dass die modernen Teams Führung brauchen. Hier gibt es immer wieder Aussagen, dass die junge Generation keine Führung, braucht, will oder duldet. Das sehe und kenne ich anders. Sie verlangen nach einer anderen Art der Führung und wollen regelmäßiges Feedback ohne dafür auf das nächste Personalgespräch warten zu müssen. Die im Abstract dargestellten Führungsprinzipien sind dafür ein Indikator, dass sich neue Formen von Führung schon etabliert haben. Und, sie funktionieren. Gegen alle „Widerstände“ und totreden. Das ist gut so! – Wie war das nochmal mit den Kickern und Billardtischen vor 15 Jahren …

Für mich geht es hier nicht um das Ende des Projektmanagements, sondern um die notwendige Weiterentwicklung. Dabei ist es natürlich sinnvoll, Strömungen oder sogar Anforderungen, die sich aus der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung ergeben, aufzunehmen. Diese in bestehende Methoden zu integrieren ist konsequent. Die Generation Y hat an Entwicklungen, wie Demokratisierung der Arbeitswelt und Freiheit/Unabhängigkeit bzgl. des Arbeitsortes ihren prägenden Anteil. Dadurch nimmt sie mindestens indirekt Einfluss an der Reform von „alten“ Methoden. Die junge Generation gestaltet so die Arbeitswelt von morgen (ihre Arbeitswelt) heute schon mit. Dieser Einfluss einer auf den Arbeitsmarkt strömenden Generation ist sicherlich neu oder früher, als man das von bisherigen Generationen gewohnt ist. Bei einer sich immer schneller verändernden Welt ist das sicherlich gut oder sogar logisch der richtige Weg.

Bei all den positiven Aspekten, die ich persönlich sehr schätze und an deren Etablierung in die Arbeitswelt und Gesellschaft wir mitarbeiten, bleibt allerdings eine Frage:
Was ist mit den Menschen, die in die Arbeitswelt hineinwachsen und keine so ausgebildete Selbstführung und -organisation besitzen?
Die wird es auch immer geben. Heute, so wie in Zukunft …

Grafik: public domain USA


Tomas Schiffbauer

Tomas Schiffbauer

Experte für digitale Innovationen.

Ich arbeite seit fast 20 Jahren als Berater. Aus der IT kommend, über die Projektleitung bis hin zum Coach für Führungskräfte. Durch meine weltweiten Projekte durfte ich viele verschiedene kulturelle Ansätze und Menschen kennenlernen, was für mich eine Bereicherung darstellt. Seit 2012 bin ich im Team von Liebich & Partner.


Meine Beratungsschwerpunkte:

  • Innovationslotse: Leitung und Begleitung für Innovation und Projekten; agil vom Markt zum Markt
  • Konzipieren und Begleiten von Teamentwicklungsprozessen hin zu agilen Organisation
  • Etablierung und Weiterentwicklung des Projektmanagements (klassisch, agil, hybrid)
  • Übersetzer: Von Mensch zu Mensch, vom Mensch zur Technik und zwischen Systemen
  • Coaching für Führungs- und Führungsnachwuchskräfte
  • Gestalten, leiten und begleiten von Veränderungsprozesseny
  • Wechseln von Perspektiven und übersetzen von Anforderungen zur IT-Strategie und Systemauswahl
  • Analysieren, optimieren, innovieren und implementieren von Systemen und Prozessen.

  • Persönlich geprägt hat mich neben meinen vielen Projekten in der ganzen Welt sicherlich meine Zeit als Judo-Trainer und aktiver Judoka. Ich bin davon überzeugt, dass wir gemeinsam Dinge verändern können. Im Kleinen, wie im ganz großen. Letztlich zum Wohle aller.


    Lassen Sie uns ins Gespräch kommen, wie ich ihr Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie unterstützen kann.


    Ihr Tomas Schiffbauer
    Liebich & Partner Management- & Personalberatung AG
    Telefon +49-7221-90780

    Kommentar verfassen