Industrie 4.0, was tut sich sonst noch?

Industrie 4.0 ist in aller Munde und eine Vielzahl deutscher Unternehmen ist in der Tat damit beschäftigt, sich mit den Themen um Industrie 4.0 wettbewerbsfähig für die Zukunft aufzustellen. Aber nicht nur im industriellen Umfeld treffen wir auf die Herausforderungen und Chancen der Vernetzung von Prozessen, auch im gesellschaftlichen und privaten Umfeld rollt eine „smart revolution“ auf uns zu! Es entstehen „smart areas“, „smart cities“ oder „smart technologies“, die unser Leben in vielen Situationen beeinflussen, unterstützen und herausfordern werden.

Ich habe lange Zeit in Singapur gelebt. Dort ist mir die Schnelllebigkeit im digitalen Zeitalter besonders intensiv aufgefallen. Ganz allgemein gesprochen, besonders in Asien ich habe ich die Vernetzung von Gesellschaften mit einer Dynamik erlebt, wovon wir hier in Europa teilweise noch weit entfernt scheinen, mit allen Vor- und Nachteilen.Singapur ist per Regierungsdekret auf dem Weg, bei dem sich abzeichnenden Trend der „smart cities“ ganz vorne dabei zu sein.

Zwei Beispiele dazu:

1. Beispiel: Mobilitätsdaten von Kraftfahrzeugen

In Singapur gibt es für besonders frequentierte Straßen zeitlimitierte Straßennutzungsgebühren (Road Tax). Jedes Kraftfahrzeug ist mit einer sogenannten In-Vehicle-Unit (IU) ausgestattet, welche mit eindeutiger Identität mit dem Fahrzeug verbunden ist. Diese IU kann mit einer Bezahlkarte (Cash-Card) betrieben werden. Die Arbeitsweise ähnelt dem deutschen LKW-Mautsystem. Fährt ein Fahrzeug durch die die Straßen schmückenden Kontrollbrücken, wird automatisch, je nach Zeit und Schaltung, die Straßennutzungsgebühr von der Bezahlkarte abgebucht. Das Bezahlen der Parkgebühren in Parkhäusern erfolgt in gleicher Weise. Für den Nutzer ist das sehr komfortabel. So weit so gut!

Auf dem Weg zur „smart city“ sollen nun die Kontrollbrücken auf den Straßen komplett abgerüstet und das bestehende System durch ein GPS-gestütztes Kontrollsystem ersetzt werden. Die IU wird durch eine smartphone-ähnliche Einheit ersetzt, dessen Funktionalität weitere Vorteile für den Nutzer bringen soll. Dem Bertreiber (der Stadtstaat Singapur) werden somit alle Bewegungsdaten des Fahrzeugs zugänglich gemacht. Es erlaubt flexible und dem Verkehrsaufkommen entsprechende Gebührenbemessung der Straßennutzung. Die Daten können in Echtzeit Leitsystemen zur Verfügung gestellt werden um Staus zu vermeiden, Umleitungen zu empfehlen oder freie Parkplätze aufzufinden.Ein anderer Effekt ist natürlich, dass die Bewegungsdaten der Kraftfahrzeugnutzer in noch vollerem Umfang transparent werden und vom Staat auch zu anderen Zwecken genutzt werden können. Ein Umstand, der in Deutschland undenkbar wäre.

Dennoch bleibt zu sagen, die meisten Singapurer identifizieren sich mit diesem und auch dem neuen System und sehen ihre Freiheit nicht eingeschränkt. Im Gegenteil, viele gehen davon aus, dass diese Form der Überwachung ein zusätzliches Maß an Sicherheit gibt, und das Sicherheitsbedürfnis der Singapurer steht an erster Stelle.

2. Beispiel: Smart Solutions zur Pflegeunterstützung

Auch wenn der Familienzusammenhalt in Singapur noch eine tiefere Bedeutung als in den meisten westlich geprägten Gesellschaftsformen hat, nimmt das Alleinsein von älteren, pflegebedürftigen Senioren zu. Das Leben spielt sich oft im Freien ab, Kinder und Berufstätige sind den ganzen Tag eingespannt und nicht jeder kann sich eine qualifizierte Pflegekraft in Vollzeit leisten. In einem Pilotprojekt hat Singapur jetzt ebenfalls ein smartphone-basiertes Tool als zunächst kostenfreien Service zur Verfügung gestellt. Ungewöhnliche Bewegungsänderungen von alleinlebenden, pflegebedürftigen Senioren lösen per smartphone einen Datensatz an Pflegekräfte oder Familienangehörige aus, die dann infolge schnell und flexibel vor Ort gerufen werden können.

Auch hier werden Bewegungsdaten zentral erfasst und es erlaubt dem Betreiber, gesellschaftliche Trends zu erkennen und sich daraus schnell und gezielt Handlungsfelder ableiten zu können.Das sind zwei weitere Beispiele neben den im nachfolgenden link aufgeführten Trends.

Es wird spannend im Wettlauf um die Chancen und Risiken der „smart trends“. Eines steht aber fest: Auch hier ist von einer echten „Revolution“ zu sprechen, da es uns zwingt, Bestehendes infrage zu stellen, neu zu überdenken und sorgfältig abzuwägen. Einige Gesellschaften werden sich damit leichter tun, andere schwerer. Mal sehen, wie wir Europäer uns in diesem Wettbewerbsumfeld stellen.

https://www.weforum.org/agenda/2016/02/4-ways-smart-cities-will-make-our-lives-better

Grafik: Regiars (CC)


Andreas Kambach

Andreas Kambach

Studium Luft- und Raumfahrttechnik, München Studium Betriebswirtschaft , Hagen Offizier der Bundeswehr bis 1997 Key Account Manager Handel 1998 – 2001 Business Development International, Exportleiter, Industrie 2001-2008 Geschäftsführung und Aufbau mehrerer Auslandstöchter eines Industrieunternehmens in Südostasien, China und Indien, dabei ansässig in Singapur von 2009 - 2014 Seit November 2014 Berater bei Liebich & Partner

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