Spaltmaßfetischismus vs. Digitaldeutschland

Deutschland ist VW. Ein guter Vergleich, wie ich denke. Ein Schlüsselunternehmen der Deutschen Wirtschaft ist es allemal. Kennt man doch den geflügelten Spruch „Wenn Volkswagen hustet, ist das Land krank“. Sascha Lobo macht den Vergleich in seiner Koloumne vom 22.06. im Spiegel an noch mehr Punkten fest „Vom Namen Volkswagen über den Kern von Marke und Technologie (Zuverlässigkeit) bis zum Selbstbewusstsein“. Sein Vergleich ist begründet. So schreibt er „ (…) das alte Deutschland, das VW so erfolgreich gemacht hat, war ein Hardware-orientiertes Ingenieursland. Es war ein Land, in dem man sich feierte für die weltbesten Spaltmaße und das mit unfassbar guten Maschinen Exportweltmeister wurde. Es war ein Land der Perfektion, mehr noch: ein Land, in dem das Funktionieren nichts weniger als eine Religion ist.“ Doch erkennen wir, dass dieses Konzept von „Funktionierdeutschland“ auf das „neue Weltkonzept der digitalen Vernetzung prallt“.

Dr. Christoph Dill hatte Anfang des Jahres bereits in seinem Artikel „Wider der deutschen Ingenieurskunst: Wir brauchen das permanente Beta“ vier gute Gründe genannt, warum die geforderte Geschwindigkeit von Heute die Ingenieurskunst von damals abhängt.
Sascha Lobo formuliert es in seinem Artikel ein wenig spitzer, dass Langsamkeit in der digitalen Welt heißt, sich gegen (!) „Veränderungen zu stemmen“ und die Realität nicht zu berücksichtigen. Er untermauert seine Aussage mit Blick auf VWs Geringschätzung von Elektromobilität, bis die Dieselkarte „(samt Betrugswillen) in die Katastrophe führte.“ Ganz unrecht hat er nicht.

Laut einer Expertenkommission um das Max-Planck-Institut herum ist ganz Deutschland im Thema Innovationen sehr zurückhaltend. Vielleicht interpretieren wir Innovationen mehrheitlich auch falsch. Im Land der Tüftler, basteln wir lieber an bestehenden Lösungen um sie zu perfektionieren. Im Zeitalter des „außerhalb des Möglichen Denkens“ ist die „Innovation als komplette Neuerfindung“ entscheidend, quasi „die Neudefinierung des Problems“. Wie war das nochmal mit der Rentabilität der Urproduktion?

Natürlich müssen die Rahmenbedingungen dafür gesetzt sein. Die „traditionelle Hierarchie steht der Vernetzung strukturell im Weg (…) denn Vernetzung bedeutet zwingend auch verteilte Verantwortung.“ Aber Vernetzung bedeutet auch effizienteste Nutzung von Synergieeffekten und effektivere Arbeitsleistung. Folglich ist ein Umdenken wie Organisationen aufgebaut werden und gelebt werden enorm wichtig.

Als Fazit möchte ich mich gerne dem von Herrn Lobo anschließen. Gerade stehen wir an einem einschneidenden Wendepunkt. Am „notwendigen Wandel vom Hardware-Deutschland mit Funktionierfetisch zum vernetzten Software-Deutschland im Ausprobiermodus. Und das deutsche Digitaldilemma besteht darin, dass die früheren Stärken drohen, sich in Schwächen zu verwandeln. Nicht durch eigenes Versagen, sondern schlicht durch die Veränderung der Welt.“

Grafik: Bundesarchiv


Felix Pliester

Felix Pliester

Seit meinem Studium in Wirtschaftsinformatik bin ich in der Beratung tätig. Mithilfe von SAP haben wir den Beschaffungsprozess von Handelsunternehmen abgebildet. Von der SAP wurde unsere App als beste Business App des Jahres 2012 gekürt. 2015 hatte ich die Chance eine Expedition auf einem britischen Kolonialmotorrad von Südindien nach Köln zu führen, das bewog mich einen Schritt aus dem SAP Universum zu machen. Jetzt liegt mein Fokus bei Liebich & Partner auf den Themen Innovation & Engineering, sowie Vertrieb, Marketing und Service. Aufbauend auf diesem Fundament entwickle, gestalte und begleite Kunden im Umfeld von Innovation und Prozess- und Projektmanagement. So kann ich dort einen Beitrag leisten, dass Produkte, Prozessen und Businessmodelle erfolgreich und marktfähig entwickelt und realisiert werden. Meine Freizeit verbringe ich gerne mit Abenteuer, Fliegen und Radfahren.

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