Der Spirit digitaler Unternehmen – Haltung und Selbstverständnis schlägt Working Lounges und modernes Großraumbüro

Letzte Woche ist die neue Zentrale von Siemens eingeweiht worden. Die Führungsetage versucht mit diesem Bau ein gewisse Startup Flair in die Konzernzentrale zu holen. Damit werden verschiedene Ziele verfolgt. Auf der einen Seite will man wieder interessanter für junge Mitarbeiter werden, die die Zukunft des Riesen gestalten und tragen sollen. Auf der anderen Seite ist Siemens auf der Suche nach den neuen und vielversprechenden Arbeitsmodellen und Wege der digitalen Zusammenarbeit. Dies soll durch die „unfertige“ Gestaltung gefördert werden.

Was noch alles zum modernen Unternehmen mit dem Vorbild im Silicon Valley gehört hat Claus Kleber in seiner Reportage  „Schöne neue Welt“ durchaus interessant zusammengetragen.

Das Resümee hat mich dann sehr überrascht, wenn auch der Grund dafür Teil der schönen neuen digitalen Welt ist.

„Müssen wir mitgehen? Auf diesen Trip? Nein! Wir sind Europäer. Aus anderem Holz geschnitzt. Wir vergöttern Veränderungen nicht so. Das ist nicht unser Trip. …“

Nicht jeder mag alle radikalen Ideen gut und schön finden. Manch einer hat vielleicht zurecht Angst davor. Das Vorgehen, aus dem eine Menge bahnbrechender Innovationen hervorgekommen sind wegen der Seiteneffekte zu verteufeln und für uns Europäer komplett abzulehnen halte ich für falsch.

Aufgenommen hat diese Aussage Frank Schmiechen, Chefredakteur der Gründerszene, und sich damit und der Reportage von Herrn Kleber und den unterschiedlichen Botschaften kritisch auseinandergesetzt.

Der Spirit, um den es geht, ist viel mehr als Home-Office, Sabbatical und Work-Life-Balance. Es ist die Art und Weise wie die Mitarbeiter in den jungen, agilen und radikal denkenden und agierenden Unternehmen kommunizieren, sich organisieren und mit Informationen umgehen und sie verarbeiten. Hüben wie drüben – auf beiden Seiten des Atlantiks.

Als ich vor einigen Monaten einen jungen Kollegen (< 30 Jahre) gefragt habe welches die von ihm präferierte Messenger App ist, über die ich ihn am besten kontaktieren kann, habe ich nur ein müdes (vielleicht auch mitleidiges) Lächeln geerntet. Verbunden mit der Antwort: „Ist völlig egal, ich beschränke mich da nicht. Ich nehme das, was für die Situation passend ist.“

Wir wollen doch die Kommunikation vereinfachen, weniger Mails? Das bedeutet doch, uns auf weniger Kanäle zu reduzieren? Visionäre Chefs großer Organisationen haben bahnbrechend die Mail-Server freitags und am Wochenende „abgeschaltet“ damit in dieser Zeit keine Mails zugestellt und bearbeitet werden. Damit mehr echte Kommunikation möglich ist. Bei Daimler werden die Mails während des Urlaubs gelöscht noch bevor sie in das Postfach des Mitarbeiters gelangen. Die Mitarbeiter sollen sich im Urlaub erholen. Offensichtlich alles nur Maßnahmen die Menschen meines Alters einfallen und als Teil der Lösung gesehen werden konnten.

Die Menschen, nicht nur junge, in den Unternehmen auf die wir alle schauen – sehnsüchtig/neidisch, verängstigt oder auch mit Unverständnis – nutzen für Ihren Alltag (privat und beruflich) Web-Apps, die weitestgehend unterhalb meiner persönlichen Wahrnehmung lagen und zum Teil noch liegen.

Ich, Wirtschaftsinformatiker, 45 Jahre, durchaus technikaffin im Alltag, mache meine Notizen im iPad statt in der Papierkladde. Damit zähle ich mich mal zu den oberen 20% meiner Generation, was das Thema up to date bzgl. neuer Trends in unserem technologischen Alltag angeht. Und doch bin ich offensichtlich weiter weg, als gedacht. – Wem mag das noch so gehen?

Wie sieht es mit unserer Kompetenz im Bereich Social Collaboration (die meisten Angehörigen der berufstätigen Bevölkerungen wissen vermutlich noch nicht mal, was das ist) aus?

Die hilfreichen Tools werden heute nicht mehr in den üblichen, meiner Generation bekannten, Quellen vorangekündigt, beworben etc. – Sie sind einfach da, viral. Ich will nicht sagen, in einer Subkultur, aber definitiv weiter weg von mir, als ich bis vor ein paar Wochen gedacht habe.

Meine Generation (wie alt das klingt, wenn ich das schreibe) versucht die Mail Flut zu reduzieren. Die jungen Kollegen auch. Sie haben diverse Apps in denen eine Vielzahl von Informationsschnippseln eintrudeln. Mehr, als ich Mails am Tag bekomme.

Was ich damit sagen will: Wir wollen die Flut der Mails reduzieren, weil wir mit der Verarbeitung nicht mehr nachkommen. Der andere Weg ist, sich damit abzufinden, dass die Informationsflut weiter steigen wird und geeignete Mittel und Wege findet (und dass ist dann nicht mehr der Mail Client) dieser Tatsache und diesem Bedürfnis gerecht zu werden. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da habe ich die Zahl der ungelesenen Mails ausgeblendet, weil mich das gestresst hat. Irgendwann habe ich gelernt damit umzugehen. Schön, wenn man es ohne das gestresst sein gelernt hat und einen effizienten Umgang damit gefunden hat.

Darum nutzen unsere jungen Kollegen diversen Messenger-Apps, Trello, Slack und verknüpfen das alle noch mit IFTTT oder Zapier um sich Workflows zwischen den Wep Apps zu installieren, die das Handling übernehmen. Workflows kenne, ich und finde ich gut. Nach meinem Studium (Ende 1990er) war das der Grund warum ich damals in die Lotus Notes Programmierung gegangen bin. Dieses Mail und DB-Tool konnte Prozesse in Workflows abbilden. SAP und Microsoft haben zu der Zeit noch nicht mal davon geträumt, Workflows in Ihre Applikationen zu etablieren. – Der Bedarf war damals der gleiche wie heute. Die Lösungen sind heute weniger groß. Im Sinne, dass der Lösungsanbieter schon seit ewigen Jahren im Markt ist und überall bekannt und präsent.

Für mich liegt die Lösung für „the new way of work“ viel weniger darin die Gebäude und Strukturen aus dem Silicon Valley oder den hiesigen Startups zu kopieren oder adaptieren. Vielmehr darin, uns ehrlich auf die Arbeits- und Denkweise dieser Unternehmen einzulassen. Sich mit dem Selbstverständnis und der Lebensweise Ihrer Mitarbeiter und ihrer inneren Haltung zu befassen und sich davon anstecken zu lassen. Uns auf die anderen Lebensmodelle unserer jungen Kollegen einzulassen und nicht davon auszugehen, dass die sich schon unserem etablierten Arbeits- und Lebensmodell anpassen.

Interesse und Verstehenwollen was und warum sie es tun, wie sie es tun. Letztlich Empathie entwickeln. Ihre Sichtweise annehmen. Statt: „Das ist nicht unser Trip.“ Oder: „Wir sind aus einem anderen Holz geschnitzt.“

Von Ihnen lernen, das ist der Schlüssel. Das macht es so schwer für uns Alteingesessene. Wir müssen von Jungen, weniger Erfahrenen, Andersdenkenden und Agierenden lernen. Vielleicht zum ersten Mal in unserem Leben zählt als Vorbild nicht mehr alleine das mehr an Berufserfahrung, Lebensjahren etc. als Indikator dafür, dass etwas gut und richtig ist. Es ist das Mehr an Erfahrung mit dem Umgang von sich schnell ändernden Rahmenbedingungen, vielen Informationen und dem Bedürfnis damit umgehen zu können. Das ist die Pfund, was die Jungen mitbringen!

Da können wir viel lernen, wenn wir wollen und uns einlassen. Als Individuum, Unternehmen und Gesellschaft.

Grafik: rawpixel.com


Tomas Schiffbauer

Tomas Schiffbauer

Experte für digitale Innovationen.

Ich arbeite seit fast 20 Jahren als Berater. Aus der IT kommend, über die Projektleitung bis hin zum Coach für Führungskräfte. Durch meine weltweiten Projekte durfte ich viele verschiedene kulturelle Ansätze und Menschen kennenlernen, was für mich eine Bereicherung darstellt. Seit 2012 bin ich im Team von Liebich & Partner.


Meine Beratungsschwerpunkte:

  • Innovationslotse: Leitung und Begleitung für Innovation und Projekten; agil vom Markt zum Markt
  • Konzipieren und Begleiten von Teamentwicklungsprozessen hin zu agilen Organisation
  • Etablierung und Weiterentwicklung des Projektmanagements (klassisch, agil, hybrid)
  • Übersetzer: Von Mensch zu Mensch, vom Mensch zur Technik und zwischen Systemen
  • Coaching für Führungs- und Führungsnachwuchskräfte
  • Gestalten, leiten und begleiten von Veränderungsprozesseny
  • Wechseln von Perspektiven und übersetzen von Anforderungen zur IT-Strategie und Systemauswahl
  • Analysieren, optimieren, innovieren und implementieren von Systemen und Prozessen.

  • Persönlich geprägt hat mich neben meinen vielen Projekten in der ganzen Welt sicherlich meine Zeit als Judo-Trainer und aktiver Judoka. Ich bin davon überzeugt, dass wir gemeinsam Dinge verändern können. Im Kleinen, wie im ganz großen. Letztlich zum Wohle aller.


    Lassen Sie uns ins Gespräch kommen, wie ich ihr Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie unterstützen kann.


    Ihr Tomas Schiffbauer
    Liebich & Partner Management- & Personalberatung AG
    Telefon +49-7221-90780

    1 Kommentar

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    • Wir Europäer sind aus anderem Holz? Na, das ist ja mal was Neues. Wenn ich die Veränderungen vor allem sozialer aber auch technischer Art betrachte, die wir Europäer in den letzten sagen wir 300 Jahren angeregt und durchlebt und im Übrigen notwendigerweise gerade jetzt wieder vor uns haben, dann kann ich mich nur wundern. Ich denke, wir müssen genauer hinsehen, in welchen Bereichen „wir“ veränderungswillig sind, in welchen weniger. Und vor allem Letzters kritisch und möglichst unpolemisch beurteilen. Wenn das geht, denn „die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen“, sagt Kurt Tucholski. Die Kritik an der Jugend, die auf Ewig DAS NEUE in die bestehende Welt bringt, ist so alt wie die Menschheit. DAS ist meines Erachtens die Krux der Sache, der uralte schwelende Konflikt, in unserer Zeit halt nun einmal festgemacht an technischen Neuerungen. Auf der anderen Seite: Die Jugend, das Neue wie einen Götzen verehren, mag ich auch nicht. Können wir uns nicht bitte ENDLICH darauf verständigen, dass Veränderung UND Stabilität für uns überlebensnotwendig sind, Jugend UND Alter einen besonderen Beitrag zu leisten haben, alte UND neue Welt, und dass wir diese „Paare“ ENDLICH miteinander in den Dialog kommen lassen?

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