Die morphologischen Methoden sind den systematisch-analytischen Methoden zuzuordnen. Die Ideensuche erfolgt hier nicht nach einem Zufallsprinzip wie bei den intuitiven Methoden, sondern indem die Intuition durch eine systematische Kreativitätsmethodik angeregt und unterstützt wird.

EINSATZGEBIET

•    Haupteinsatzgebiet der morphologischen Methoden ist in den Prozeßbausteinen Produktideenfindung sowie der Produktkonzepterstellung.
•    Morphologische Methoden können aber auch mit Kreativität fordernden Methoden anderer Phasen kombiniert werden.
•    Bezüglich der Problemart eignen sich die morphologischen Methoden in erster Linie für Analyseprobleme (Untersuchen vorhandener Strukturen).

VERBREITUNG

Die morphologischen Methoden sind die am zweithäufigsten eingesetzten Methoden mit einem Anwendungsgrad von etwa 35% (vgl. /BER-86/, /ÜBE-88/, /GES-96/). Dies verdanken sie in erster Linie ihrer universellen Einsetzbarkeit.

VORAUSSETZUNGEN

Ein spezielles Training zum Erlernen der Methode ist nicht erforderlich. Es ist aber erforderlich, daß jeder Mitarbeiter über ein umfangreiches Fachwissen verfügt. Für den kritischen Schritt der Parameterbestimmung ist es von Vorteil, Hilfstechniken wie Funktions- und Ablaufsanalysen, Blockdiagramme etc. zu beherrschen.

DURCHFÜHRUNG

Der Morphologische Kasten ist eine Anordnung wichtiger Problemelemente (Parameter) und ihrer Ausprägungen in Form einer Matrix (vgl. die Formulare F8.9). Im Idealfall enthält die Matrix alle denkbaren Lösungsmöglichkeiten oder -richtungen in geordneter Form.

Die Aufstellung eines morphologischen Kastens erfolgt in fünf Schritten (vgl. /SCH-80/, S. 48ff.):

1.    Umschreibung, Definition und ggf. zweckmäßige Verallgemeinerung des Problems.
2.    Bestimmung der wesentlichen und möglichst voneinander unabhängigen Parameter des Problems und Anordnung der Parameter in der Vorspalte der Matrix.
3.    Ermittlung aller denkbaren Ausprägungen für jeden Parameter und Anordnung in der zum jeweiligen Parameter gehörenden Zeile.
4.    Bestimmung der Lösungsmenge: jede mögliche Kombination je einer Ausprägung aus jeder Zeile stellt eine Lösung im morphologischen Kasten dar.
5.    Auswahl der zieladäquaten Lösungen durch Markierungen in Form von Linienzügen.

Die Vorgehensweise folgt damit den heuristischen Prinzipien der systematischen Zerlegung komplexer Sachverhalte in abgrenzbare Teile (Schritt 1 und 2), der systematischen Gestaltsvariation von Einzelelementen (Schritt 3) und der systematischen Kombination von Einzelelementen zu neuen Gesamtlösungen (Schritt 4 und 5).
Die Durchführung der Methode kann in Einzelarbeit oder in Kleingruppen vorgenommen werden. Da insbesondere zur Bestimmung der wesentlichen Parameter ein tieferes Verständnis des Problemgebietes erforderlich ist, sollte die Problemlösungsgruppe überwiegend aus Experten bestehen.
Die Dauer der Methode variiert zwischen mehreren Stunden und mehreren Tagen.

VORTEILE
  • Behandlung sehr komplexer Probleme möglich
  • Aufnahme vieler Informationen in verdichteter Form
  • flexible Anpassung an unterschiedliche Problemstellungen
  • klare und vollständige Darstellung des Problembereichs
  • Methode kombiniert Kreativität und Systematik.
NACHTEILE
  • sehr arbeits- und zeitintensiv (bis mehrere Tage)
  • fachlich fundiertes Wissen über den betreffenden Problembereich erforderlich
  • Bestimmung der richtigen Parameter ist sowohl schwierig als auch erfolgskritisch.
  • Auswahl der besten Lösungen aus der besonders bei komplexen Problemen fast unüberschaubaren Anzahl möglicher Lösungen ist schwierig.
VARIANTEN
Morphologische Matrix (morphologisches Tableau, Problemfelddarstellung)

Ebenso wie der morphologische Kasten setzt sich die Matrix des morphologischen Tableaus aus Parametern und Ausprägungen zusammen. Der wesentliche Unterschied besteht jedoch nun darin, daß die Ausprägungen jeweils entlang der Kopfzeile und der Vorspalte einer Matrix eingetragen werden (s. Formular F8.10). Die einzelnen Alternativen werden somit nicht durch Linienzüge gebildet, sondern entstehen durch Kombination der Ausprägungen. Widersinnige Lösungen werden als sogenannte „Nullfelder“ markiert und scheiden aus, Felder mit bereits bekannten Lösungen werden entsprechend gekennzeichnet und sogenannte „Leerfelder“, für die bisher wenige oder keine Lösungen existieren, werden für weitere Untersuchungen besonders gekennzeichnet.

Vorteile gegenüber dem Morphologischen Kasten
  • Alle bereits bekannten Lösungen können eingetragen werden.
  • Widersinnige Kombinationen lassen sich als Nullfelder schraffieren und scheiden für weitere Betrachtungen aus.
  • Leerfelder treten deutlich hervor und signalisieren Bereiche, zu denen noch keine Lösungen bekannt sind.
Nachteile gegenüber dem Morphologischen Kasten
  • Beschränkung auf wenige (zur visuellen Darstellung sogar nur zwei) Parameter
Sequentielle Morphologie

Bei der sequentiellen Morphologie handelt es sich um eine Weiterentwicklung der Methode des Morphologischen Kastens, um die Erstellung und Auswertung potentieller Lösungsansätze auch bei größerer Parameterzahl übersichtlich zu gestalten.
Hierzu werden alle Parameter und ihre möglichen Ausprägungen entsprechend ihrer Bedeutung für das zu lösende Problem gewichtet und eine Prioritätsreihe der Parameter erstellt. Für die zwei wichtigsten Parameter werden zwei bis drei gute und machbare Kombinationen als Kernlösungen ausgewählt. Daraufhin wird der drittwichtigste Parameter hinzugefügt und die ausgewählten Kernlösungen werden durch passende Ausprägungen dieses Parameters ergänzt.
In gleicher Weise erfolgt das sukzessive Zuschalten aller weiteren konzeptionellen Parameter. Dadurch geschieht die weitere Ausgestaltung und Konkretisierung der gebildeten Kernlösungen.

Vorteile gegenüber dem morphologischen Kasten
  • Die wesentlichen Parameter werden sicherer und eindeutiger abgeschätzt.
  • Die Identifizierung der geeignetsten Alternative wird erleichtert.
  • Die Variante ist besonders für hochkomplexe Probleme geeignet.
Nachteile gegenüber dem morphologischen Kasten
  • Der Gestaltungsspielraum wird durch die frühe Festlegung auf einige wenige Ausprägungen eingeengt.
  • Die nachträgliche Prüfung auf andere, eventuell günstigere Lösungsansätze ist erforderlich.
Funktionsanalyse

Die Methodik der Funktionsanalyse entspricht der des morphologischen Kastens (vgl. Formular F8.11). Der Unterschied besteht lediglich darin, daß bei der Funktionsanalyse das Problem (Produkt) nicht durch Parameter, sondern durch einzelnen Funktionen aufgegliedert wird. D.h. es werden möglichst viele Teilfunktionen aufgezählt und für jede einzelne Funktion Lösungsmöglichkeiten gesucht.

Die Methode ist in sieben Schritte zerlegbar (vgl. /BAI-97/, S. 78):

1.    Analyse und Definition des Produkts
2.    Zerlegung des Produktes in seine einzelnen Funktionen
3.    Anordnung der einzelnen Funktionen in der Vorspalte
4.    Zusammenstellung aller bekannten und denkbaren Lösungen für jede Einzelfunktion
5.    Zellenweises Eintragen der einzelnen Lösungsalternativen
6.    Kombination von Funktionserfüllungen für die verschiedenen Einzelfunktionen
7.    Auswahl zieladäquater Lösungen

Vorteile
  • vollständige Darstellung in verdichteter Form
  • Reduktion der Anzahl an Lösungen, da eine Vielzahl konkreter technischer Lösungsmöglichkeiten der funktionalen Anforderungsbeschreibung genügt.
  • Kopplung mit Wertanalyse möglich
Nachteile
  • Aufgliederung der Teilfunktionen und Auswahl der Lösungen ist sowohl schwierig als auch erfolgskritisch.
SOFTWAREUNTERSTÜTZUNG
  • MORPHOS unterstützt die Methode des morphologischen Kastens.
  • MOSEL ist eine Software zur Unterstützung der sequentiellen Morphologie.
  • Weitere Softwareunterstützung von Kreativitätstechniken finden sich unter: http://home.t-online.de/home/geschka.partner/software.htm [Stand 23.10.98]
LITERATUR

•    Schlicksupp, H.
Innovation, Kreativität und Ideenfindung
Vogel Verlag, Würzburg, 1980

•    Hentze, H. / Müller, K.-D. / Schlicksupp, H.
Praxis der Managementtechniken
Hanser Verlag, München Wien, 1989

•    Geschka, H. / v. Reibnitz, U.
Vademecum der Ideenfindung
Battelle-Institut, Frankfurt, 1980

•    Akiyama, K.
Funktionenanalyse – der Schlüssel zu erfolgreichen Produkten und Dienstleistungen
Verlag Moderne Industrie, Landsberg/Lech, 1994


Christoph Dill

Christoph Dill

Seit 2003 bin ich in der Beratung tätig, seit 2006 als Partner und damit einer der 11 Eigentümer unserer Firma. Seit 2010 stehe ich für den Kompetenzbereich Innovation & Engineering unserer AG, was seit jeher mein Beratungsumfeld darstellt. Hier habe ich ein sehr breites methodisches Fundament, das ich mit meinem Doktorvater Prof Dr. Ing dieter Spath (ehemals Leiter des Fraunhofer IAO, Stuttgart) auch in Form des Buchs ‚Vom Markt zum Markt‘ veröffentlicht habe. Aufbauend auf diesem Fundament entwickle, gestalte und begleite Kunden im Umfeld von Innovation und Prozess- und Projektmanagement. So kann ich dort einen Beitrag leisten, dass Produkte, Prozessen und Businessmodelle erfolgreich und marktfähig entwickelt und realisiert werden. Meine Freizeit verbringe ich gerne mit meiner Familie, gehe Joggen, Mountainbiken und im Winter vor allem gerne Skifahren. Ski ist für mich mehr als ein Sport, sondern Teil meines Lebens.

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