Fast alle technologisch bedingten „Gestaltungen“ sind auf Dauer als nicht optimal anzusehen. Neue Technologien, Werkstoffe, Funktionalitäten und Arbeitsverfahren ermöglichen neuartige Kombinationen und Entwicklungen. Beim Vorgehen zum Erreichen eines Optimums darf man sich daher nicht von Vorfixierungen oder konventionellen Vorstellungen allein leiten lassen oder sich mit ihnen zufrieden geben.

Die Abstraktion der Aufgabenstellung stellt eine Methode zur Arbeitserleichterung bzw. –verbesserung dar, die im allgemeinen dazu dienen soll, den wesentlichen Kern einer Problemstellung zu erkennen und Vorfixierungen aufzulösen.

Es wird versucht, einen übergeordneten Zusammenhang zu finden, der allgemeiner und weitreichender ist, um somit die wesentlichen Merkmale der Problemstellung hervortreten zu lassen.

VORAUSSETZUNGEN

Um eine methodische Vorgehensweise sichern zu können, sollten folgende Voraussetzungen erfüllt werden:

  • Zieldefinition: Mitteilen der Gesamt- und Teilziele und ihrer Bedeutung
  • Bedingungen aufzeigen: Rand- und Anfangsbedingungen klarstellen
  • Vorurteile auflösen: Vermeidung von „Denkfehlern“ durch vorgefertigten Lösungsweg
  • Varianten suchen: Bereitschaft, immer mehrere Lösungswege zu suchen, um den günstigsten auswählen zu können
  • Beurteilungen durchführen: jeweils im Hinblick auf die gegebenen Randbedingungen und Zielvorgaben.
VERBREITUNG

Die „Abstraktion der Aufgabenstellung“ ist fest verankert in der Entwicklungsmethodik des VDI. Dementsprechend beschränkt sich deren Anwendung vorwiegend auf den deutschsprachigen Raum.

EINSATZGEBIETE

Meist liegt einem Arbeitsauftrages eine feste Aufgabenstellung zugrunde. Wie der Begriff „Abstraktion der Aufgabenstellung“ schon sagt, findet man dieses methodische Vorgehen meist in der sich anschließenden Phase der Produktentstehung, nämlich in der Konzeptphase.

VORAUSSETZUNGEN

Die Beteiligten sollten beim Klären der Aufgabenstellung eine Anforderungsliste erstellen, um sich auf diese Weise erstmals eingehend mit der Problemstellung zu befassen.

DURCHFÜHRUNG

In einem ersten Schritt soll versucht werden, anhand der Anforderungsliste den Kern der Aufgabenstellung klar herauszuarbeiten. Dies bedeutet die wesentlichen Funktionen und Bedingungen zu analysieren und der Wichtigkeit nach zu ordnen. In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass sich das Herausschreiben von funktionalen Zusammenhängen in Form von Sätzen als eine sehr hilfreiche Methode erwiesen hat. Ziel der Analyse ist das Allgemeingültige und das Wesentliche einer Aufgabe herauszuarbeiten. Dies geschieht durch eine schrittweise Abstraktion, die im folgenden dargestellt werden soll.

Anforderungsliste auf notwendige Funktionen und wesentliche Bedingungen hin analysieren:

  1. gedanklich Wünsche weglassen,
  2. nur noch Forderungen berücksichtigen, welche die Funktionen und wesentlichen Bedingungen unmittelbar betreffen,
  3. quantitative Angaben in qualitative umsetzen und dabei auf wesentliche Aussagen reduzieren,
  4. Erkanntes sinnvoll erweitern,
  5. Problem lösungsneutral formulieren.

Am Ende einer solchen Analyse sollte eine Definition der Zielsetzung stehen, die auf abstrakter Ebene formuliert ist und keinerlei Lösungswege vorgibt.

Nachdem der Kern der Aufgabenstellung erkannt wurde, wird nun überprüft, ob eine Erweiterung oder Abänderung dieser sinnvoll erscheint, um möglicherweise zukunftweisendere Lösungen zu finden. Man nennt dieses Schritt „systematische Erweiterung der Problemformulierung“. Dies bedeutet, daß die Aufgabenstellung „verfremdet“ wird, um eine möglichst allgemeine, breite und an keine Vorgaben gebundene Formulierung zu finden. Wie weit man mit einer solchen Abwandlung gehen kann, hängt ganz von den jeweiligen Rahmenbedingungen der Aufgabe ab und muß individuell abgewogen werden.

Abschließend seien zwei Beispiel genannt, die zeigen, in wie weit die Abstraktion und die systematische Erweiterung helfen, scheinbare Einschränkungen zu erkennen und nur echte Einschränkungen weiterhin zu berücksichtigen:

A) NICHT: Flüssigkeitsmenge mit Schwimmer abtasten,

SONDERN :Flüssigkeitsmenge fortlaufend messen

B) NICHT: Garagentor entwerfen

SONDERN: Garagenabschluß entwerfen, der die Möglichkeit bietet ein Auto diebstahlsicher und wettergeschützt unterzustellen

VORTEILE
  • Scheinbare Einschränkungen können erkannt werden
  • Denken vom Konkreten zum Allgemeinen
  • Finden flexibler Lösungswege
  • Zukunftsorientierte Lösungen werden ermöglicht
NACHTEILE
  • Sich von Vorfixierungen zu befreien bedeutet für bestimmte Personen einen hohen Aufwand, der nur ungern getragen wird.
  • Scheinbare Einschränkungen werden vom Konstrukteur oder Aufgabensteller oft nicht als solche erkannt und daher weiter berücksichtig.
LITERATUR
  • Pahl,G.;Beitz,W.
    Konstruktionslehre, Springer-Verlag, Berlin, 1993
  • Roth,K.
    Konstruieren mit Konstruktionskatalogen, Berlin, Springer 1982

Christoph Dill

Christoph Dill

Seit 2003 bin ich in der Beratung tätig, seit 2006 als Partner und damit einer der 11 Eigentümer unserer Firma. Seit 2010 stehe ich für den Kompetenzbereich Innovation & Engineering unserer AG, was seit jeher mein Beratungsumfeld darstellt. Hier habe ich ein sehr breites methodisches Fundament, das ich mit meinem Doktorvater Prof Dr. Ing dieter Spath (ehemals Leiter des Fraunhofer IAO, Stuttgart) auch in Form des Buchs ‚Vom Markt zum Markt‘ veröffentlicht habe. Aufbauend auf diesem Fundament entwickle, gestalte und begleite Kunden im Umfeld von Innovation und Prozess- und Projektmanagement. So kann ich dort einen Beitrag leisten, dass Produkte, Prozessen und Businessmodelle erfolgreich und marktfähig entwickelt und realisiert werden. Meine Freizeit verbringe ich gerne mit meiner Familie, gehe Joggen, Mountainbiken und im Winter vor allem gerne Skifahren. Ski ist für mich mehr als ein Sport, sondern Teil meines Lebens.

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