Lernende Organisation? Lernende Welt! – 4. Der systemische Ausweg oder die Komplexitätsblase platzen lassen.

Vielleicht – hoffentlich – haben Sie es bemerkt: Die Beitragsreihe Lernende Organisation hatte längeren „Urlaub“. Es geht weiter!

Was bisher „geschah“:

  • Die Frage „Wie lebt und lernt Homo sapiens künftig in Anbetracht hoher und weiter zunehmender Komplexität?“ verdeutlicht: Es steht eine notwendige Veränderung unserer Denk- und Handlungsgewohnheiten an.
  • Rein theoretisch ist uns das Konzept fortlaufender Veränderung vertraut, unsere Urinstinkt schalten jedoch auf Alarm: Veränderungen bedeuten möglicherweise Unvorhersehbarkeit und damit Unsicherheit. [Link]
  • Dabei mussten sich unsere Vorfahren schon immer mit Veränderungen und Komplexität herumschlagen, und fanden auch Wege dafür. [Link]
  • An den letzten dieser Wege, lineares Denken, klammern sich unser Urinstinkte mit aller Macht. [Link]
  • Obwohl er uns inzwischen erschöpft.

Lineares Denken segmentiert die Dinge in überschaubare, handhabbare „Portionen“. Das vermittelt Sicherheit. Aber genau diese Segmentierung führt zu zusammenhangloser Detailversessenheit („Tiefe“ genannt), Machbarkeits- und nicht selten sogar Größenwahn und lässt uns den Gesamtüberblick verlieren, was uns wiederum – paradoxerweise – die ersehnte Sicherheit raubt.

Heben wir doch mal die Nasen vom Boden der Details. Klettern wir auf einen Baum und blicken mal auf das, was wir „unsere Welt“ nennen. Von dort oben sehen wir: ein ziemlich komplexes Getümmel. Aber für eine Weile können wir hier oben durchatmen, fühlen, wie entlastend das ist, wie entspannend, aahhh….Und uns kommt der Gedanke: Bleiben wir doch einfach hier oben! Aber wie das so ist mit uns Menschen: Nach einer Weile wollen wir zurück ins Getümmel, ins Leben. Aber wir wollen auch: den neugewonnen Überblick behalten, die guten Gefühle, die dabei entstanden sind – Gelassenheit, Sicherheit, Zuversicht, Mut – nicht aufgeben. Wir klettern also wieder runter von unserem Baum, voller guter Vorsätze – und haben nach einigen Tagen die Nase wieder auf dem Boden der Details?

Alte Gewohnheiten.

Jedoch, wir hatten es schon davon in dieser Reihe: Die Komplexität des „Getümmels“ mit Hilfe eines aufgeblähten Ballons voneinander unabhängiger Teil-Erkenntnissen, so korrekt sie auch sein mögen, fassen zu wollen, führt zu keiner befriedigenden Lösung, erschöpft uns. Kaum verwunderlich also, dass der Glaube an die Wirksamkeit dieses Denkens derzeit abnimmt. Dass sich Menschen nach anderen Möglichkeiten umtun.

Wir stehen an einem Wendepunkt.

Deduktiv-logisches, lineares Denken sollten wir – und werden wir wohl – in jedem Fall beibehalten. Denn es ist eine der Methoden, die uns zur Verfügung stehen, die Welt und uns zu begreifen, sie „richtig“ zu deuten. Darauf sind wir wiederum angewiesen, um überleben zu können, auf allen Ebenen, ob es nun um die Fragen nach dem zu erwarteten Ausmaß des Klimawandels, das mittelfristige Überleben eines Unternehmens in einem umkämpften Markt oder die Ehe zweier Menschen geht. Wir werden das bleiben, was wir schon immer waren und sein mussten: Faktensammler und „Zusammenhängesucher“.

Aber was, wenn wir den bisherigen, logisch-faktischen und damit eindimensionalen Weg leidlich satt haben und uns deshalb für einen gänzlich konträren Lösungsweg entscheiden: dem sogenannt postfaktischen Denken? Einem Denken, das nicht länger evidenzbasiert, nein, mehr, nicht einmal mehr evidenzinteressiert ist. Das rein darauf ausgerichtet ist, bestimmte emotionale und damit motivationale Effekte auf eine bestimmte Zielgruppe zu erzielen.

Sollten wir endlich damit beginnen, unsere linear-analytische Logik um die Logik unserer Psyche (also dem Zusammenwirken unserer Bedürfnisse, Emotionen, Motive, Überzeugungen etc.) zu erweitern, bin ich die Erste, die jubelt! Wohlgemerkt jedoch: Erweitern, nicht ersetzen. Alles andere wäre für mich ein Rückschritt. In eine Denk- und Handlungskultur, in der Fakten entwertet und im schlimmsten Fall geleugnet werden, wenn sie nicht ins eigene Weltbild passen. In eine reine Intuitions- und Gefühlskultur.

Der Glaube an die Wirksamkeit unseres „alten“ Denkens nimmt derzeit ab, ja, und das ist gut so. Denn wo das nicht passiert, blüht der überzogene Glaube an unsere, an die Potenz einzelner Menschen, die, gerade noch zu Helden stilisiert, geht etwas schief, zu Sündenböcken gemacht und angegriffen werden. Wo das nicht passiert, werden in chaotischen, komplexen, verunsichernden Zeiten der Veränderung vereinfachende Lösungen gesucht – ging doch auch bisher! – und leider auch angeboten. Nur eines passiert nicht: die Flucht nach vorne und zwar in die – zugegeben – mühsame Reflexion darüber, wie wir mit diesen Veränderungen ANGEMESSENER umgehen könnten.

Und es gibt diesen angemesseneren Weg, Ausweg: den systemischen Ansatz, die Kunst des Umgangs mit „Getümmel“.

Systemisches, „das Ganze“ berücksichtigendes Denken bedeutet nach Senge (2011) zunächst einmal, die Komplexität zu durchschauen. Und zwar indem möglichst viele Faktoren möglichst vieler relevanter Kategorien (z.B. evidenzbasierte Fakten + Softfacts, Vorgesetzter + Mitarbeiter + Team, …) sowie deren Wechselwirkungen berücksichtigt werden.

Wie bitte? NOCH MEHR Fakten und darüber hinaus auch noch deren WECHSELWIRKUNGEN bedenken? Das soll ein Ausweg sein?

Gut, klingt zunächst nicht danach. Klingt eher nach noch größerer Erschöpfung und Unsicherheit. Die schlechte Nachricht ist in der Tat: Systemisches Denken bedeutet eben nach wie vor DENKEN. Die gute Nachricht ist jedoch: Es erweitert unser Denken auf die Weise, wie ich sie oben beschrieben habe.

Und es gibt noch eine weitere gute Nachricht: Mit Übung und zunehmender Automatisierung entfaltet der systemische Denkansatz eine erstaunlich entlastende Wirkung:

  1. 1. Wir entwickeln einen Blick für die wirklich entscheidenden (wirksamen) Faktoren/Strukturen (das Wesentliche) und verschwenden unsere Kapazitäten nicht mehr mit Irrelevantem.
  2. 2. Wir lösen uns von unserer erschöpfenden Detailversessenheit und besinnen uns (wieder?) auf die zielführendere Suche nach den (übergeordneten) Gesamtzusammenhängen, dem roten Faden.
  3. 3. Und wir entgehen dem kräftezehrenden Irrglauben, wir könnten die Dinge dauerhaft so bewahren, wie sie gerade sind, könnten auf alle Fragen perfekte, ewig gültige Antworten finden. Denn systemisch denken bedeutet erkennen, dass alles nie „ist“ sondern in jedem Augenblick im Begriff ist, zu „werden“, sich zu entwickeln, sich zu verändern.

Veränderung als einzige Konstante? Na, danke, DAS ist die wunderbare Wirkung? Das ist doch eher gleich die nächste Zumutung!

Verstehe. Da wird der Kern unseres bisherigen Sinnen und Trachtens in Frage gestellt: Die Welt muss doch irgendwie angehalten werden können, und zwar bitte so lange wie möglich. Das gilt für die Dinge, die uns umgeben aber mehr noch für uns selbst. Aber: Steckt im Wort Zumutung nicht auch das Wort Mut? Sie wissen, worauf ich hinaus will…

Denn die Vorteile des systemischen Ansatzes sind in meinen Augen tatsächlich erheblich. Hier noch eine weitere, persönliche Auswahl:

  • Menschen sind Faktensammler (Analyse) UM Zusammenhänge (Synthese) zu verstehen. Systemisches Denken tut beides und aktiviert uns so als „ganze“ Menschen. Das ist innerpsychisch höchst befriedigend. Zusammenhänge zu verstehen ist kein rein kognitiver Akt sondern erfordert alle unsere geistigen (z.B. analytischen UND synthetischen!) und seelischen Fähigkeiten. Wissen, Erfahrung und Intuition arbeiten Hand in Hand miteinander, so, wie es der Philosoph Philipp Hübl fordert: „Nur wer Ahnung hat, (sollte sich) auf seine Ahnungen verlassen“.
  • Systemisches Denken richtet sich nach größeren Zusammenhängen aus und „landet“ damit schnell bei unseren Bedürfnissen, Wünschen, Werten. Richten wir Entscheidungen und Lösungen danach aus, sind diese nachhaltiger, weil wir sie als sinnhafter empfinden.
  • Systemisch Denken macht uns zugleich demütiger, toleranter und aufmerksamer. Denn zum einen erkennen wir an, dass keiner alle wesentlichen Fakten kennen kann (z.B. die Sicht meines Mitarbeiters), zum anderen müssen wir wahrnehmen, fühlen, beobachten, fragen und zuhören um zu erfahren, was wir noch nicht wissen.
  • Das ist dann gleich auch noch kommunikations- und beziehungsfördernd.
  • Menschen, wiederum, die sich gegenseitig wahrnehmen, fragen, zuhören, fühlen sich wahr- und ernstgenommen, entwickeln ein Gemeinschaftsgefühl und eine größere Bereitschaft, sogar dann Entscheidungen/Lösungen mitzutragen, wenn diese nicht völlig ihren persönlichen Vorstellungen entsprechen.
  • Systemisches, ganzheitliches Denken fördert unsere Um- und Weitsicht. Letztere haben schon immer zu „besseren“, nachhaltigeren Lösungen geführt.
  • Gleichzeitig macht uns der systemische Ansatz freier und damit flexibler, ermuntert uns dazu, Dinge auszuprobieren und zu wagen, uns nicht von allzu hohen Perfektionsansprüchen bremsen zu lassen – „quick & dirty“ ist in Ordnung! Denn dauerhafte Perfektion kann es nicht geben. Lösungen müssen immer wieder kritisch überprüft, angepasst oder gar über den Haufen geworfen werden.

Dann ist ja eh alles egal? Eben gerade nicht! Systemisches Denken bedeutet alles andere als unkritisches, planloses, unmotiviertes Vor-sich-hin-stolpern. Es bedeutet, an die Dinge aufmerksam und umsichtig, experimentell und flexibel aber mit Blick auf menschliche Bedürfnisse und Werte und Sinnhaftigkeit heranzugehen. Wer fixe Pläne und langfristig „sichere“ Ziele braucht, den schreckt das. Wer aber auch nur den kleinsten Impuls für „dieses andere“ in sich spürt: Ausprobieren!

Grafik: Frank Schneider (CC)


Claudia Weyrauther

Claudia Weyrauther

Als Psychologin, die im Ausland mit sehr unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen ist und beruflich ursprünglich aus der Personalentwicklung und dem operativen Human Resources Geschäft internationaler Unternehmen kommt, ging und geht es für mich immer um eines: den Menschen. Ich bin überzeugt: Solange wir unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorhaben vielmehr an „Logik“ als an „Psycho-Logik“ ausrichten, werden uns die Ergebnisse unserer Bemühungen immer wieder auf´s Neue frustrieren. Seit drei Jahren bin ich als Trainerin, Beraterin und Coach bei Liebich & Partner tätig und unterstütze Führungskräfte, Mitarbeiter und Teams in Bezug auf ihre Rollen und Herausforderungen im beruflichen Miteinander. Mein Schwerpunkt liegt dabei auf der Entwicklung sozialer Fertigkeiten wie Kommunikations- und Konfliktfähigkeit und persönlicher Selbstkompetenzen. Mit meinem Mann und meinen beiden Kindern lebe ich in München und gehe in meiner Freizeit nach Möglichkeit vor allem meiner kreativen Leidenschaften nach: dem Singen und Songwriting am Klavier.

Claudia Weyrauther


Liebich & Partner Management- & Personalberatung AG


Telefon +49-7221-9078-0

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