Scala mobile.

Scala mobile. Ein schönes Wort. Im Italienischen steht es für Rolltreppe, in diesem Artikel für die Idee beweglicher, gleitender Messgrößen. Doch dazu später. Wir leben in Zeiten zunehmender Maßlosigkeit. Wachstumsziele schnellen in die Höhe, macht der Wettbewerber ein Rekordplus, will man zumindest gleichziehen oder noch eins draufsetzen. Durch das Ganze schwingt ein Schuss Gier, der das eine oder andere Unternehmen die eigenen Potentiale vergessen lässt. Das Ziel ist ihnen im Weg. Maßlosigkeit hat zudem ihren Preis. Die Autobranche erfährt es gerade.

Die Digitalisierung konfrontiert Wirtschaft und Gesellschaft mit noch einer anderen Form der Maßlosigkeit. Sie macht Dinge möglich, die bislang undenkbar sind. Hier gibt es noch keine Maßstäbe, an denen man sich orientieren kann. Daraus ergeben sich der Zwang und die Freiheit, einen neuen Weg zu suchen und noch schlimmer – statt Gewissheiten gibt es in unserer komplexen, enttraditionalisierten Welt nur Multioptionalität – sich unter den vielen möglichen für den einen zu entscheiden.

Um in der Maßlosigkeit (s)ein Maß zu finden, gibt es erfahrungsgemäß zwei Vorgehensweisen. Die erste, um nichts falsch zu machen, macht man es wie früher oder wie die anderen. So geht man vermeintlich auf Nummer sicher. Doch darin liegt zum einen die Gefahr des Stillstands, zum anderen, dass man nicht einzigartiger, sondern immer gleicher wird. Statt seine Freiheit zu nutzen, verharrt man im Mainstream oder setzt durch die Übernahme fremder, unpassender Maßstäbe womöglich die Existenz des eigenen Unternehmens aufs Spiel.

Die Alternative ist, zu versuchen ein eigenes neues Maß zu finden. Dabei hilft die Idee der Scala mobile. Wenn Unternehmen sich darauf besinnen, wer sie sind, was ihnen wichtig ist, was sie warum und wie machen – es geht also um das, was das Unternehmen im Kern ausmacht und immer gültig ist –, finden sie ein inneres Maß, das ihnen in Zeiten äußerer Maßlosigkeit Richtung, Takt und Geschwindigkeit weist. Selbstverständlich muss sich das Unternehmen aber in einem Umfeld messen, in dem sich die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder auch technologischen Rahmenbedingungen stetig ändern. Das Bild der Scala mobile erlaubt nun, an das, woran sich das Unternehmen innerlich selbst misst, gleitende Messgrößen anzulegen. Alle Entscheidungen werden konsequenterweise in Auseinandersetzung mit den eigenen Maßstäben getroffen. Statt sie zu betonieren, werden sie flexibel verschoben. Dadurch gerät auch das, was mit ihnen gemessen wird, niemals aus dem Blick.

Das hat den Vorteil, dass das Unter- nehmen die Spur hält und sich beispielsweise nicht gefährdet, indem es Ziele wählt, mit denen es über die ihm angemessenen Ziele hinausschießt. Das hat den Nachteil, dass es unbequem ist. Man muss immer wieder von Neuem für sich abwägen und braucht im Zweifelsfall die Fähigkeit, Nein zu sagen. Eine Herausforderung für das Rückgrat der Führungspersönlichkeiten und ein Hinweis auf fortgeschrittene Unternehmenskultur.

Grafik: Dannert-Weing


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